Dieses Papier wurde dem Ständigen Komitee für Einbürgerung und Einwanderung des Unterhauses der Regierung von Kanada am 1. Mai 2001 von der Organisation Global Population Concerns (GPC) überreicht.

Warum Kanada eine Bevölkerungspolitik braucht. 
[Plädoyer für eine Neuorientierung der Ethik]

Autor und Autorin sind
J. Anthony Cassils und Madeline Weld
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Problem?  Was denn für ein Problem?

Der Gedanke, dass ihr Land ein Problem mit Übervölkerung haben könnte, erscheint den meisten Kanadiern absurd. Im Gegenteil sehen viele Kanada als ein weites leeres Land, für das es hohe Zeit für Besiedelung durch Menschen ist. Die neuen Einsichten der wissenschaftlichen Ökologie jedoch weisen darauf hin, dass wir die Belastbarkeit Kanadas weit überschätzen. Wie kommt es, dass so viele Kanadier Ansichten vertreten, die so weit von der Realität entfernt sind? Die Antwort ist nicht einfach. Unter anderen Faktoren spielen die folgenden eine Rolle: die Zeitdifferenz zwischen ökologischen Erkenntnissen und ihrem Vordringen bis in den Mainstream, der den vorhandenen Institutionen innewohnende Widerstand, die Dauerhaftigkeit von Mythen im kanadischen Bewusstsein - z.B. des Mythos, Kanada sei ein Land mit grenzenlosen Ressourcen - und die ethische Überzeugung, man müsse „den Reichtum“ mit weniger vom Glück begünstigten Menschen anderer Länder „teilen“. In letzter Zeit wird manchmal behauptet, dass diejenigen, die das Anwachsen der Bevölkerung in Kanada begrenzen wollen – da ja die in Kanada geborenen Kandier nur wenige Kinder bekommen – rassistische Motive haben. Um diesem Vorwurf zu entgehen, drücken viele ihren Widerspruch gegen das Anwachsen der Bevölkerung in Kanada gar nicht aus, verschweigen also ihre ökologischen und sozioökonomischen Bedenken. In gewissem und wahrscheinlich beträchtlichem Ausmaß hat die oft unausgesprochene, aber nichtsdestoweniger reale Furcht, des Rassismus verdächtigt zu werden, die Debatte über das Bevölkerungswachstum in Kanada zum Verstummen gebracht. Zwar scheinen die Menschen eine fast unerschöpfliche Fähigkeit zu haben, einander zu unterscheiden und miteinander zu kämpfen, aber sie heben nur allzu oft entscheidende Themen nicht genügend hervor, wie z.B. das Thema Beziehung zwischen der Menschheit und dem Lebensnetz (web of life), das uns erhält.

Die Aufgabe der Ökologie

Die Hauptaufgabe der Menschheit im 21. Jahrhundert ist es zu lernen, im Lebensnetz der Erde zu leben, ohne es zu zerstören. Das ist für eine Art, deren Bewusstsein der eigenen Wichtigkeit völlig überzogen ist, ein sehr schwieriges Unterfangen. Erst seit hundert Jahren haben die Menschen schließlich begriffen, dass die Erde (und infolgedessen die Menschheit) nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Ökologie erklären uns jetzt, dass wir für die Fortsetzung des Lebens auf der Erde nicht von zentraler Bedeutung sind – außer im negativen Sinn, dass wir die Fähigkeit haben, es zu zerstören.

Die meisten Kanadier haben bestenfalls ein begrenztes Verständnis von Ökologie. Die Gesundheit der Umwelt wird als nur eines von vielen politischen Themen angesehen anstatt als Fundament allen Lebens. Die ökologische Realität, (die sich nicht im Geringsten um die Politik der Menschen kümmert) ist, dass das Leben der Menschen von einem Netz vieler gegenseitig aufeinander angewiesener Arten abhängt. Das Netz gründet sich auf zahllose Mikroorganismen in Boden und Wasser und in Pflanzen, die durch Fotosynthese direkt oder indirekt alle anderen Ebenen der Nahrungskette ernähren. Wir neigen dazu, die Bedeutung der Mikroorganismen zu übersehen, weil wir sie nicht sehen können. Von der durch Fotosynthese produzierten Energie verbraucht die menschliche Art einen enorm überproportionalen Anteil. Durch das Anwachsen der Weltbevölkerung und die Ausdehnung der menschlichen Aktivitäten wird ein immer größer werdender Teil der Erdoberfläche verbraucht. Wir vertreiben nicht nur direkt andere Arten, indem wir ihr Habitat in Besitz nehmen oder zerstören, sondern wir löschen sie mit unserem Müll und unseren chemischen Giften aus. Darunter sind viele direkt an den Fundamenten des Lebens. Die gegenwärtigen Praktiken und Glaubensüberzeugungen der Menschen sind auf Kollisionskurs mit dem Lebenssystem auf der Erde. Wir konzentrieren uns auf die Kurzzeitvorteile unserer täglichen Aktivitäten und bringen damit den schwerwiegenden Folgen dieser Not nicht genügend Aufmerksamkeit entgegen. Alte Glaubensüberzeugungen verhindern die Annahme neuer Informationen und verzögern die Einführung von Veränderungen. Veränderungen aber sind notwendig, damit die Aktivitäten der Menschen ‚nachhaltig’ werden können.

Die Menschen scheinen einen instinktiven Trieb zu haben, sich zu vermehren. Darüber hinaus gibt es in vielen Kulturen, zu denen auch die auf der Erde vorherrschenden Konsumkulturen gehören, ein Vorurteil, das die Ethik nur auf die Menschen beschränkt. Diese Ethik schließt die Folgen des menschlichen Handelns selbst auf diejenigen Lebensformen nicht ein, die das Leben der Menschen überhaupt erst ermöglichen. Infolgedessen wachsen Zahl und Ansprüche der Menschen immer weiter und verderben zunehmend das Lebensnetz der Erde. Wir müssen eine neue Ethik entwickeln, die unseren instinktiven Expansionstrieb in Frage stellt und ebenso unsere Missachtung für nicht menschliche Formen des Lebens.

 Wo sich die menschliche Ethik im Widerspruch zur Ökologie befindet

Alle lebenden Organismen zeigen den Drang, Ressourcen ausfindig zu machen und sie sich zu erschließen, den Kontakt mit Giften und Räubern zu vermeiden und den nächsten Generationen ihre Gene weiterzugeben. Bei einigen sozial lebenden Tieren wird das Erreichen der Ziele des Individuums durch Kooperation mit Verwandten oder auch entfernteren Mitgliedern derselben Art gefördert. Bei den Menschen hat das zur Schaffung komplexer Organisationen wie Stämmen, Nationen und Körperschaften geführt.

Im Großen und Ganzen sind die Ziele aller einzelnen lebenden Organismen opportunistisch und kurzfristig. Die hohe Intelligenz der menschlichen Art hat die Art dazu befähigt, sich Ressourcen zu erschließen und die Folgen vieler Faktoren, die ihre Ausbreitung beschränkten – wie Krankheit und Hunger – zu vermindern. Diese Fähigkeiten haben bewirkt, dass sich die Zahl der Menschen enorm erhöht hat, von etwa fünf Millionen um 6000 vor unserer Zeitrechnung bis zu mehr als sechs Milliarden heute. Unsere Bevölkerung übertrifft an Zahl weit die Populationsdichte eines „typischen“ Raubtieres unserer Größe. Die Folgen sowohl für die Welt der Natur als auch für andere Lebensformen sind verheerend und werden sich weit in die Zukunft fortsetzen.

Offensichtlich entspricht dem Erfolg der menschlichen Art bei ihrer Vermehrung und ihre Fähigkeit, sich Ressourcen zu verschaffen, nicht ein Wandel in der Einstellung. Wir haben es versäumt, unsere Aufmerksamkeit von kurzfristigen auf langfristige Ziele zu übertragen. Nur äußerst selten erkennen wir den Einfluss unserer Grundinstinkte auf Ethik, das Treffen von Entscheidungen und die Politik.

Moderne Kommunikations- und Transportmittel haben ein noch nie da gewesenes globales Bewusstsein geschaffen und sowohl Einzelne als auch Firmen waren schnell dabei, die Möglichkeiten zu nutzen. Internationale Firmen durchkämmen die Welt auf der Suche nach billigen Arbeitskräften, natürlichen Ressourcen und größeren Märkten, während Einzelne in andern Ländern ihren Vorteil suchen und in noch nie da gewesener Zahl auswandern. Daher haben internationale Firmen und Wirtschaftsflüchtlinge ein gemeinsames Interesse an relativ offenen nationalen Grenzen, die mehr Möglichkeiten bieten, den Konsum zu erhöhen. Trotz der populären Ermahnung, „global denken und lokal handeln“ werden die Nationen, die vorausschauend handeln, indem sie die Bevölkerungszahlen begrenzen und ihre Umwelt schützen - womit sie ein Gebiet der Ordnung in einer zunehmend chaotischen Welt schaffen - wahrscheinlich mehr internationale Firmenaktivitäten anziehen und sie werden hart bedrängt, Menschen aus weniger gut geordneten Gebieten die Einwanderung zu gestatten. Zu den Taktiken des Drucks gehören die Forderung nach freiem Handel und die Bezichtigung des Rassismus, wenn die Einwanderung eingeschränkt wird. Das Endergebnis dieser Taktiken wird, wenn sie erfolgreich sind, die Beschleunigung der Zerstörung des Lebensnetzes in der ganzen Welt sein.

Wie Heuschrecken und Kaninchen sind wir in den Plagen-Kreis eingetreten, bei dem schließlich die Versorgung mit Lebensmitteln zusammenbricht, nämlich dann, wenn die Realität der Umweltzwänge nicht mehr durch technische Interventionen zu bemänteln ist. Schon früher sind an manchen Orten die Bevölkerungen zusammengebrochen, was von der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen herrührte (z.B. Osterinsel), aber nie zuvor haben sich fast überall auf dem Planeten gleichzeitig menschliche Aktivitäten so nachteilig ausgewirkt. Der künftige Zusammenbruch der Bevölkerung wird globale Ausmaße erreichen, aber er wird sich auf dem Planeten durchaus nicht gleichmäßig verteilen.

Stadtgebiete, besonders die Slums übervölkerter Megacities, werden auf besonders ungünstige Weise betroffen sein. Ihre dichte Besiedelung und erschreckend schlechten sanitären Vorkehrungen bieten den idealen Nährboden für neue und alte Krankheiten, für Krankheiten, die, früher oder später, durch Migration und Tourismus in der ganzen Welt verbreitet werden. Die Gesundheitssysteme der entwickelten Länder werden nicht dazu in der Lage sein, mit den Folgen fertig zu werden. (Der Fall der Kongolesin, die mit einem nicht identifizierten Krankheitserreger im Hamilton-Krankenhaus isoliert werden musste, deutet zweifellos auf ernstere Probleme dieser Art in der Zukunft hin.) Allerdings werden die ärmsten Weltteile, in denen die Bevölkerung immer noch schnell wächst, weiterhin die besonders stark betroffen sein. Dort wird die Sterblichkeitsrate durch Erschöpfung und Krankheiten zunehmen. Die sich spiralförmig nach unten entwickelnde Situation in Afrika veranschaulicht die Realität von Umweltzwängen am besten. In der gegenwärtigen intellektuellen Diskussion behauptet man gerne, dass alles gut wäre, wenn nur die Menschen in den entwickelten Regionen weniger konsumieren würden. Allerdings wird dabei die Tatsache übersehen, dass es vor allem das Anwachsen der Bevölkerung und die damit einhergehende Entwaldung, Erosion und Wüstenbildung ist, die in den armen Ländern die ökologische Lebensbasis zerstört.

Nur eine kleine Minderheit versteht die Unausweichlichkeit der globalen Konfrontation mit den Grenzen ihrer Umweltbelastung und warnt vor Chaos und Schmerzen, die diese Konfrontation mit sich bringen wird. Die Massen jedoch erfassen nicht, wie aussichtslos die Situation ist, [wenn keine Veränderung eintritt] und viele Institutionen ignorieren die drohend näher rückende Umweltkrise, weil sie auf das Anwachsen der Bevölkerung und ihrer Nachfrage angewiesen sind. Viele Wirtschaftswissenschaftler bekennen sich zu dem Glauben, dass eine Wirtschaft um 3% jährlich wachsen müsse, um gesund zu bleiben, und die Geschäftswelt möchte lieber mehr Menschen und höheren Verbrauch haben – all das auf einem endlichen Planeten! Die Presse hat wenig dazu beizutragen, die Menschen über die Realität der Bevölkerungs-/Umwelt-Krise des „ganze Systems“ zu informieren. Die rechts gerichtete Presse hat nicht einmal damit angefangen anzuerkennen, dass die Wirtschaft ganz und gar der Umwelt untergeordnet werden muss. Ihrer Ansicht nach sind die Ressourcen der Erde unendlich und ob ein paar Millionen der Art verloren gehen, spielt weiter keine Rolle. Die links gerichtete Presse nimmt die Ideologie „nicht die Bevölkerungsmenge macht es, sondern ihr Konsum“ für sich in Anspruch, so als ob das eine mit dem anderen nichts zu tun hätte! Aus der Perspektive vieler Linker ist der Ressourcen-Kuchen groß genug für eine beliebige Zahl von Menschen, vorausgesetzt diese teilen ihn in gleiche Teile. Viele dieser Ansichten spiegeln ein falsches Verständnis von biologischen Möglichkeiten und der menschlichen Natur wider.

Wenn wir aus dieser Falle herauskommen wollen, dann müssen wir unsere Ethik, die allein aus solchen Richtlinien besteht, die die Interaktionen zwischen Menschen betreffen, zu einer Ethik erweitern, die auch andere Lebensformen und die Folgen unseres Handelns für künftige Generationen einbezieht.

Unsere Ethik ändern

Jeder Versuch, Änderungen in der Ethik zu bewirken, trifft auf das Hindernis lang anhaltender Traditionen. In allen Religionen gibt es einen Kanon ethischer Vorschriften. Einige davon sind Jahrtausende alt. Wenn man gegen sie angehen will oder wenn man auch nur ihre Lehren in Frage stellt, dann erscheint das vielen so, als würde man dem Willen irgendeiner universalen Macht entgegentreten. Aber wenn viele das auch anders auffassen, so ist es doch so, dass sich Ethiken im Laufe der Zeit entwickeln, denn sie sind ein praktischer Teil des Glaubens und passen sich, wenn oft auch sehr langsam, den sich verändernden Umständen an. Neue Informationen verändern unsere Sicht auf die Welt. Zurzeit kommen viele neue Einsichten aus den Naturwissenschaften.

Der Glaube der Menschen umfasst nicht nur die Ethik. Die menschliche Seele braucht das Bewusstsein eines Sinns. Man kann den Menschen als ein Wesen verstehen, das aus einem physischen und einem symbolischen Selbst besteht. Das physische Selbst braucht Nahrung, Unterkunft, Sexualität und Unterhaltung. Das symbolische Selbst ist komplizierter. Es umfasst die Art und Weise, wie wir uns selbst verstehen. Dazu gehören Begriffe wie Glaube und Werte ebenso wie die Identifikation mit Familie, Stamm, Rasse, Religion und Nation. Dass Menschen sich dem symbolischen Selbst hingeben wird durch ihre starke Todesfurcht verstärkt. Die Identifikation mit Symbolen bietet das Bewusstsein, dass man die Begrenzungen des menschlichen Lebens mit Hilfe verschiedener Mittel überschreiten könne. Zu diesen Mitteln gehören der Glaube an ein Leben nach dem Tod, die Suche nach Erleuchtung durch Anhängerschaft an eine Religion und die Fortführung der eigenen Kultur, Sprache und des eigenen Glaubenssystems. Der Besitz von Kindern, die ja gewissermaßen eine Fortsetzung des physischen Selbst sind, bekommt oft symbolische Bedeutung. Wenn man nun von jemandem fordert, er solle seinen Glauben und seine Ethik ändern, dann kann das sein symbolisches Selbst erschrecken und die Forderung kann Todesangst und oft gewaltsame Reaktionen auslösen.

Es ist von wesentlicher Bedeutung, dass man die Menschen dazu ermutigt, ihr symbolisches Selbst mit dem Lebensnetz zu identifizieren. Wenn Menschen es zu ihrem Hauptziel machen, die Gesundheit des Lebensnetzes zu erhalten, dann tragen sie auf sehr praktische Weise zum Überleben der Menschheit bei. Auf der spirituellen Ebene gibt ihnen die Fortsetzung allen Lebens eine Art von Unsterblichkeit. Wenn Menschen den Sprung im Verständnis vollziehen, dass wir nur eine der Arten in dem Netz sind, in dem alles von allem abhängt, dann muss sich aus dieser Einsicht eine wesentliche Veränderung der Ethik ergeben. Die Gesamtheit des Lebens wird heilig, nicht nur das menschliche Leben. Wenn die Zahl der Menschen und ihrer Forderungen/Nachfrage zu schnell bis zu dem Punkt wachsen, an dem sie die Gesundheit des Ökosystems gefährden, wie das jetzt geschieht, dann ist das Leben eines Menschen, gemessen am Wert des Ganzen, weniger wert. Diese Entwertung des menschlichen Lebens findet faktisch in vielen Ländern statt; allerdings wird sie nicht offiziell in der Öffentlichkeit anerkannt.

Bevölkerungspolitik

Um diesen großen und wesentliche Bewusstseinswandel zu bewirken, wird jedes Land eine Bevölkerungspolitik entwickeln müssen, die die Anzahl der Menschen in ein Verhältnis zur natürlichen Umwelt setzt, die die Menschen erhält. Die meisten Kanadier sagen das oft wiederholte Mantra her: „Kanada ist ein wenig besiedeltes Land“ und ziehen daraus den Schluss, dass das Problem der Übervölkerung eine Angelegenheit anderer Orte, aber nicht Kanadas sei. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Seit der Konföderation 1867 wuchs die kanadische Bevölkerung sehr schnell. Sie stieg von damals 3 463 000 auf 11 654 000 im Jahr 1942, auf 20 378 000 im Jahr 1967 und auf 31 000 000 im Jahr 2001. Die Institution Statistics Canada schätzt, dass sie im Jahre 2025 36 Millionen erreicht haben wird. Aber mit dem zu erwartenden Anstieg der Umweltkatastrophen und dem damit einhergehenden Anstieg der Zahl der Umwelt- und Wirtschaftsflüchtlinge und dem Anwachsen des Menschenschmuggels wird die Bevölkerung innnerhalb einer oder zweier Generationen sehr viel größer sein. Das stellt einen möglichen Ansturm dar, den die kanadische Regierung zwar erkennt, auf den sie aber schlecht vorbereitet zu sein scheint.

Bisher hat keine kanadische Regierung jemals eine Bevölkerungspolitik betrieben oder den Umfang der heimischen Bevölkerung auch nur als Thema anerkannt. Man könnte sagen, dass das Thema im Zusammenhang mit der Einwanderungspolitik, den Menschenrechten, den Flüchtlingen, Vorteilen für Kinderreiche, Abtreibung, vielleicht sogar Euthanasie und Beihilfe zum Selbstmord indirekt „angesprochen“ wurde. Im Allgemeinen bevorzugt die Regierungspolitik ein Anwachsen der Bevölkerung. Die weitgehend nicht in Frage gestellte Annahme ist, dass es in Kanada kein Bevölkerungsproblem gibt, da es das zweitgrößte Gebiet aller Länder der Erde besitzt. Diese unbevölkerten kanadischen Landstriche werden allgemein als „leeres“ Gebiet betrachtet, das nur darauf wartet, [mit Menschen] gefüllt zu werden.

Diese Annahmen gründen sich auf die völlig falsche Prämisse, dass das Wachstumspotenzial mit der reinen Verfügbarkeit von Land gleichzusetzen ist. In Wirklichkeit ist ein großer Teil des Landes unfruchtbar und nicht dazu geeignet, eine große Bevölkerung zu erhalten. Außerdem hätte jede Bevölkerung, die in den unfruchtbaren Landstrichen wohnte, einen großen „ökologischen Fußabdruck“: Die meisten Nahrungsmittel müssten eingeführt werden. Das würde sowohl Bodenfläche für den Anbau an andern Orten als auch riesige Mengen an Energie für Transport und Heizlüftung beanspruchen. In der Meinung, alle Gebiete, in denen es keine Menschen gibt, wären „leer“, spiegelt sich unsere anthropozentrische Voreingenommenheit wider. Tatsächlich dagegen sind sie voller Leben und tragen zum ökologischen Gleichgewicht des Lebensnetzes unseres Planeten bei.

Die Mehrheit der Kanadier allerdings zieht den Mythos der Realität vor. Trotz dem Erweis des Gegenteils – dem Zusammenbruch der Kabeljaufischerei, der Krise der Lachsfischerei, dem Fiasko [des verseuchten Leitungs]wassers in Walkerton, der immer länger werdenden Liste der bedrohten Arten, der Angriffe auf die Unversehrtheit der Naturparks – glauben sie weiter daran, dass sie ein Land mit fast grenzenlosen Ressourcen besitzen. Dieser Mythos ist tatsächlich ein wesentlicher Bestandteil des kanadischen Nationalstolzes.

Die bewohnbareren Teile Kanadas - der südlichste Streifen nahe der Grenze zu den USA, in dem die meisten Kanadier wohnen - sind schon dicht besiedelt. Toronto und Vancouver erleben ernste Probleme, die mit ihrem raschen ungeplanten Wachstum in Zusammenhang stehen, und doch ist Kanada trotzdem bestrebt, eine große Zahl von Einwanderern aufzunehmen, die vor allem von diesen Regionen angezogen werden. Alle, die die Lions-Gate-Brücke in Vancouver, die Autobahn 401 in Südontario oder Notdienste in Krankenhäusern überall im Land benutzen, wissen, dass wir keinen Mangel an Menschen haben.

Wenn unsere Politiker über Bevölkerungszahlen nachdenken, vergleichen sie Kanada mit andern Ländern, von denen viele reichlich übervölkert sind und ernste Anzeichen von ökologischer, sozialer und politischer Überlastung zeigen. Sie kommen dann zu der Ansicht, Kanada hätte zu wenig Menschen. Es fällt ihnen nicht im Traume ein, die Belastbarkeit des Ökosystems in Kanada und den langfristigen traditionellen Trend zum Bevölkerungswachstums in der Welt zu bedenken.

Die meisten kanadischen Politiker kommen aus juristischen, Geschäfts- oder Wirtschafts-Berufen. Nur wenige kommen von den Naturwissenschaften, unter ihnen Biologie und Ökologie. Solange unsere Politiker weitgehend ahnungslos über den Zustand des Lebensnetzes der kanadischen Landschaften, Seen und Küstengebiete sind – oder auch nur darüber, warum diese ein Anlass zur Sorge sein sollten – ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kanada eine umfassende Bevölkerungspolitik entwickelt, die sich auf ökologische Einsichten gründet, äußerst gering. Wie viele Menschen kann Kanada erhalten, ohne viele andere Lebensformen zu gefährden? Das wissen wir einfach nicht. Allerdings zeigen der Zusammenbruch der Kabeljaufischerei, die Krise der Lachsfischerei, die Tragödie des Walkerton-Wassers die Gefahren der Ignoranz. Das, was wir nicht wissen [wollen], kann uns mit besonders großer Sicherheit verletzen.

Aber nicht alles hängt von der Anzahl der Menschen allein ab. Auch die Reichweite der menschlichen Aktivitäten und die Technik, die die Menschen benutzen, beeinflussen die Folgen für das Lebensnetz. Kanadier fordern einen energie- und technik-intensiven Lebensstil. Dazu gehören auch Aktivitäten, die hohe Kosten verursachen, sowohl finanzielle als auch die Umwelt betreffende. Der Durchschnittskanadier verbraucht 30 bis 50mal mehr als ein Mensch in einem der ärmeren Länder. Die Kosten der gegenwärtigen kanadischen Bevölkerung entsprechen denen von 900 bis 1500 Millionen Menschen in den ärmsten Regionen der Welt. Dieser Verbrauch ist teilweise unvermeidlich – ein großes kaltes Land braucht viel Energie für Transport und Heizung – aber das verringert die Folgen davon nicht. Menschen, die neu nach Kanada kommen, übernehmen ganz schnell unseren Lebensstil des hohen Verbrauchs. Infolgedessen beschleunigt es nur die Verschlechterung der Bedingungen des Planeten, wenn Menschen aus Regionen, in denen wenig konsumiert wird, in Regionen verpflanzt werden, in denen viel konsumiert wird. Aber dennoch hat Kanada im letzten Jahrzehnt 250 000 Menschen jährlich als Einwanderer und Flüchtlinge oder illegale Wirtschaftsmigranten akzeptiert. Von ihnen kommen etwa die Hälfte aus sehr armen Regionen. Beim Stand des Konsums in Kanada entspricht die Auswirkung auf die Erde der von 7,5 bis 12,5 Millionen Menschen zusätzlich in einem armen Land. Die kanadische Regierung scheint keinen Versuch zu unternehmen, ihre Politik auf verschiedenen Gebieten zu koordinieren. Z.B. widerspricht ihr Ziel, die Bevölkerung stark zu vermehren, dem Ziel, den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern.

 

Schritte in Richtung auf eine Bevölkerungspolitik

·       Eindeutige Feststellung der Sachlage

Viele Strategen vertreten die Meinung, dass eine gute Frage zur richtigen Antwort führt, in diesem Fall zu einer weitsichtigen Bevölkerungspolitik. Dementsprechend wird die Sachlage in Form einer Frage formuliert, der im öffentlichen Bewusstsein hervorragende Bedeutung verschafft werden muss.

Wie viele Einwohner kann Kanada erhalten, wenn man die Lebensqualität, die die meisten Kanadier anstreben, die Belastbarkeit des Lebensnetzes, die Notwendigkeit der Artenvielfalt und die Erhaltung einiger Naturschutzgebiete mit in Betracht zieht?

 ·        Politische Führung

Die Entwicklung einer Bevölkerungspolitik verlangt eine starke Führung, die die Fähigkeit besitzt, viele Zuständigkeiten und Interessengruppen in Kanada zu überspannen. Die meisten Politiker umgehen das Thema Bevölkerungswachstum, weil es sie der Kritik einer großen Anzahl von Gruppen mit besonderen Interessen aussetzt, was ihrer Karriere eher schaden als nützen würde. Allerdings taucht von Zeit zu Zeit ein Thema von so überwältigender Bedeutung für die Zukunft der Menschheit auf, ein Thema, das eher eine durchsetzungsfähige als eine nur reaktive Führung verlangt. Die Bedrohung der Gesundheit des Lebensnetzes durch die Menschen ist genau so ein Thema. Es verlangt Voraussicht und präventives Handeln, denn die Heilung eines weltweiten Zusammenbruchs des Systems wird vielleicht nicht mehr möglich sein.

 ·        Verlässliche Daten entwickeln

 Wenn Kanadier die Frage beantworten wollen, die das Thema aufwirft, dann wird ihnen klar, dass sie viel genauere Informationen brauchen, auf die sie ihre Entscheidungen gründen können.

Es ist klar, dass Kanada ausführliche und verlässliche Daten über die Bedingungen des Lebensnetzes auf kanadischem Grund und Boden und in den angrenzenden Gewässern braucht, um das angemessene Maß an menschlicher Bevölkerung und Wirtschaftsaktivität zu bestimmen. Die gute Nachricht ist, dass es in Kanada viele Informationen über die Umwelt gibt. Leider sind sie auf Hunderte von Datenbasen im ganzen Land verteilt. Viele dieser Datenbasen sind nicht so beschaffen, dass man sie leicht miteinander verbinden kann. Kosten, Funktionen und Rechtsprechung stehen dem im Weg. Es gibt Lücken. In einigen Fällen gibt es nur unzureichende Daten darüber, welche Wirkung die gegenwärtigen Managementpraktiken auf die natürlichen Ressourcen haben. In der Forstwirtschaft müssen Kanadier z.B. oft aus nicht kanadischen Informationen Schlüsse ziehen, die die Wirkung der Abholzung auf Wasserqualität, Wildbestand, Ästhetik und Fischerei betreffen.

Kanada sollte sich an der Entwicklung einer neuen Naturwissenschaft beteiligen, die Pherologie genannt wird und in Europa entsteht. Pherologie wird als die Wissenschaft definiert, die sich mit der Belastbarkeit der Erde und besonderer Teile der Erde mit Menschen beschäftigt. Pherologisten definieren „Belastbarkeit“ mit Menschen folgendermaßen: die Bevölkerungsmenge, die in einem bestimmten Gebiet in bestimmtem Lebensstil (normalerweise den, den die Menschen vernünftigerweise anstreben können) unterhalten werden können, ohne ihre physikalische, ökologische und soziale Umwelt zu verschlechtern und ohne über ein besonderes (oder eins, auf das man sich innerhalb einer Nation geeinigt hat) Maß hinaus Müll zu erzeugen. Der Terminus Pherologie ist vom griechischen Verb ferw abgeleitet, das „ich trage, ertrage“ bedeutet.

Kanada sollte größten Wert darauf legen, zuverlässige Daten zu entwickeln, um sicherzustellen, dass die Anforderungen des Menschen an das Lebensnetz ganz sicher innerhalb der Grenzen der Nachhaltigkeit bleiben. Ohne solche Informationen wird der Gesundheitszustand des Lebensnetzes der Ignoranz und Gnade von politischen, Umwelt- und Industrie-Spekulationen überlassen. Das ist der sichere Weg zu weiteren Walkertons und dem Zusammenbruch der Fischerei.

  ·        Beteiligung der Öffentlichkeit – eine Unterstützung durch die Öffentlichkeit aufbauen

 Wenn man mit solch komplexen Themen konfrontiert ist, ist es wichtig, dass man sich die Zeit nimmt, um die Öffentlichkeit einzubeziehen und dass man auf ihre Einsicht in die Notwendigkeit der Ausarbeitung einer Bevölkerungspolitik setzt.

Ein vorurteilsloser und allen zugänglicher Beratungsprozess würde zur Entwicklung eines Konsenses in einem offenen und partizipatorischen Prozess beitragen. Dabei würde eine Erklärung über Ziele, Annahmen und Prinzipien für eine Bevölkerungspolitik herauskommen. Im Laufe der Erfüllung dieser Aufgabe würden die Teilnehmer am Beratungsprozess sich auf die wachsenden Datenbasen über verlässliche Informationen über die Umwelt stützen und Lücken herausfinden. Der Prozess sollte so angelegt sein, dass die Herstellung umfassenderer Datenbasen und die Formulierung einer Erklärung der Ziele, Annahmen und Prinzipien in einer solchen Weise zusammenkommen, dass Gesetzgeber damit eine solide Grundlage für ihre Bevölkerungspolitik bekommen.

 

 
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