FEEDBACK UND UNGLEICHGEWICHTT BEI DER ÜBERVÖLKERUNG

von Steven B. Kurtz
2000
Council on Global Issues
142 Balsam Avenue, Toronto, ON M4E 3C1 Canada

Überwältigende Beweise haben bei Wissenschaftlern der ganzen Welt zu dem Konsens geführt, dass die heutige Weltbevölkerung und ihre Tendenz zu weiterem Wachstum unhaltbar sind. Wir sind zwar ein Teil der Natur, aber wir haben doch einen gewissen Einfluss auf einen Prozess, bei dem die Bevölkerungszahl nur eine Variable unter anderen ist.

In diesem Aufsatz werden individuelle, soziale und institutionelle Faktoren untersucht und politische Möglichkeiten in Betracht gezogen.

Es gibt Beweise dafür, dass es nicht stimmt, dass die reichen Nationen die armen gegen deren Willen dazu drängen wollten, ihre Fruchtbarkeit zu vermindern.

Die Belastbarkeit der Erde und Konzepte für die optimale Bevölkerungszahl werden diskutiert, besonders hinsichtlich des Gleichgewichts mit der Natur.


EINFÜHRUNG

„Die einem Staat angemessene Bevölkerungszahl kann nicht festgelegt werden, ohne dass man in Betracht zieht, wie viel Land zur Verfügung steht."

Platon, Die Gesetze V

Im neuen Jahrtausend werden viele unerwartete Ereignisse und Lebensbedingungen unsere Nachkommen und uns zweifellos überraschen. Vielleicht wird sich dank wissenschaftlicher Entdeckungen der Niedergang der fossilen Energien als segensreich erweisen. Vielleicht werden Verbesserungen in der technischen Effizient gemäß ‚Faktor zehn’ dazu beitragen, die Umwelt wieder zu sanieren. Vielleicht wird in der menschlichen Art ein Selektionsprozess stattfinden, bei dem die überleben, die sich der Verschmutzung oder den auf andere Weise veränderten Lebensbedingungen anpassen können. Diese Möglichkeiten sind allerdings nur Spekulation.

Eher können wir darauf vertrauen, dass unsere Anzahl nicht gemäß dem Wachstumsmuster des letzten Jahrhunderts, der Vervierfachung, zunehmen wird. In diesem Aufsatz wollen wir kurz erklären, warum der Konsens der Weltexperten darin besteht, dass die Wachstumsrate sich weiterhin verringern wird, ganz gleich, ob Reduktion oder Zusammenbruch eintreten werden und ob es plausibel ist, dass es auf irgendeinem Niveau, das über dem Aussterben der Art liegt, zu einer Stabilisierung kommen wird.

Einige behaupten, dass Menschen irgendwie den systemischen Zwängen entzogen seien, die die Populationen anderer Lebensformen begrenzen. Tatsächlich ist es uns durch unsere Anpassungsfähigkeit gelungen, unseren Bereich in völlig unterschiedliche Habitate auszudehnen. Sprache, abstraktes Denken und reflektierendes Bewusstsein halfen uns bei dieser Ausbreitung. Allerdings kann sich in einem im Großen und Ganzen geschlossenen System die physische Ausbreitung nicht ins Unendliche fortsetzen.

Wir werden verschiedene Möglichkeits-Szenarien untersuchen, die vielleicht zur Stabilisierung oder zum Gleichgewicht führen werden.

Die Voraussagen variieren ein wenig, aber alle gehen davon aus, dass es innerhalb des nächsten halben Jahrhunderts zu einem Bevölkerungszuwachs von etwa 50% kommen wird, so dass wir dann annähernd neun Milliarden sein werden. Wir wollen untersuchen, inwieweit vorstellbar ist, dass die Planung des Menschen dieses Endergebnis beeinflusst.

Im ersten Abschnitt wollen wir kurz beweisen, dass die Übervölkerung ein Problem darstellt. Die Faszination durch die ‚virtuellen Realitäten’ und den Mythos der ‚Dematerialisierung’ der Wirtschaft sind Beispiele dafür, wie Menschen davon abgehalten werden, diese Tatsache zu begreifen. Die große Mehrheit der Menschheit, die nicht vernetzt ist, weiß, dass sie nicht von Bits und Bytes leben kann, auch wenn einige bei uns das anders sehen. Sie wissen: Ihre Bedürfnisse umfassen weiterhin Nahrung, Wasser und Energie.

Der zweite Abschnitt wird einige Variable umreißen, die als positives oder negatives Feedback das Fortpflanzungsverhalten von Menschen beeinflussen. Dazu gehören unsere genetische Machart (fest verankert), Umweltbedingungen, sozio-ökonomische Werte, von Institutionen ausgeübter Druck und das, was wir ‚freien Willen’ nennen.

Danach wollen wir die Frage stellen, wodurch ein Gleichgewicht hergestellt werden könnte. Der Begriff ‚Belastbarkeit’ drückt aus, wie viele Lebewesen einer Art in einem Habitat höchstens existieren können. Toleranzen in einem komplexen Ökosystem hängen von Input und internen Veränderungen ab und sind in der Nähe der Schwelle zum Maximum besonders sensibel. Freiheit wurde der Schlüsselwert des Menschen genannt und spiegelt sich in maximalen Möglichkeiten an künftigen Entscheidungen und Handlungsweisen wider (Buchanan 1997). Gleichgewicht scheint mit Belastbarkeit unvereinbar zu sein, weil die Aussicht auf mögliche Zwänge künftige Möglichkeiten einschränken und die Destabilisierungsgefahr der Veränderungsbedingungen maximieren würde. Wenn möglich, sollte Gleichgewicht auf einem variablen optimalen Niveau Freiheit und Wohlergehen maximieren und Ereignisse der Destabilisierung minimieren.

Zum Schluss werde ich mich auf das Gebiet der Spekulation wagen, um die Erfolgsaussichten bei der Selbstbestimmung des Gleichgewichts zu erwägen. Frieden und die Minimierung künftigen Leidens scheinen etwas mit dem Endergebnis zu tun zu haben.

 

WORIN BESTEHT DAS PROBLEM?

„Intensivierung der Nahrungsmittelproduktion für eine größer gewordene Population führt dazu, dass die Population weiter zunimmt.“ (Peter Farb 1978) 

Albert Bartlett, emeritierter Physik-Professor von der University of Colorado, hat nachgewiesen, dass die Weltbevölkerung bei einer Wachstumsrate von jährlich 1% in 17 000 Jahren so zahlreich wäre wie die Atome im Universum (Bartlett 1996). Zum Vergleich: Die letzte Eiszeit war vor 17 000 Jahren. Wir nehmen zurzeit etwa 50% schneller zu. Bartlett antwortete dem Management-Professors Julian Simon, der behauptet hatte, es wäre möglich, dass die Menschheit sieben Milliarden Jahre lang (das wurde dann auf sieben Millionen korrigiert) jährlich 1% zunimmt. Wenn die Raumbeanspruchung die einzige Forderung an ein gesundes, dauerhaftes Habitat wäre, dann wäre das Thema relativ leicht abzuhandeln. Kurz gesagt: Nachhaltiges (unaufhaltsames) Wachstum eines physikalischen Systems ist ein Oxymoron.

Im Folgenden bringen wir einige Meinungsäußerungen aus unterschiedlichen Quellen. In einem Brief vom 3. Oktober 1996 schrieb mir der Vizepräsident der USA Al Gore: „Ich halte das dramatische Anwachsen der Weltbevölkerung für die gegenwärtig größte Belastung der Umwelt… Die Wirkungen dieses schnellen Wachstums sind überall auf der Erde spürbar. Hungersnöte, Entwaldung und Mangel an sauberem Wasser sind nur einige der Probleme.“

Stuart L. Udall, ehemaliger US-Innenminister, schrieb in einem kürzlich erschienen Artikel:

„...der gegenwärtige Verbrauch der beiden Grundquellen des modernen Lebens Wasser und Ö, weisen auf die Verknappungen hin, die die Wirtschaft vieler Nationen nachhaltig schädigen wird, wenn die zurzeit herrschenden [Bevölkerungs-]Trends anhalten.“ (Udall 2000)  

Das gemeinsame Statement der British Royal Society und der (US) National Academy of Sciences von 1992 beweist einen breiten Konsens der Wissenschaften. Es appelliert dringend an die politischen Führer in der ganzen Welt, das Problem der Übervölkerung anzugehen. Dasselbe geschieht in der "World Scientists' Warning to Humanity" (Warnung der Wissenschaftler der Welt an die Menschheit), die 1993 geschrieben und von mehr als 1600 bekannten Wissenschaftlern aus 70 Ländern unterschrieben wurde. Darin steht u.a. Folgendes:

Die Erde ist begrenzt. Ihre Fähigkeit, Abfall und schädliche Abwässer zu absorbieren, ist begrenzt. Ihre Fähigkeit, Nahrung und Energie zur Verfügung zu stellen, ist begrenzt. Ihre Fähigkeit, eine wachsende Anzahl von Menschen zu versorgen, ist begrenzt. Und wir nähern uns rasch vielen dieser Grenzen der Erde.“

„Die Zwänge, die sich ergeben, wenn die Weltbevölkerung weiterhin uneingeschränkt wächst, überfordern die Natur, so dass diese Überforderung die Ergebnisse aller Bemühungen um eine nachhaltige Zukunft unwirksam macht. Wenn wir die Zerstörung unserer Umwelt aufhalten wollen, dann müssen wir wohl oder übel dem Bevölkerungswachstum Grenzen setzen.“

„Es bleiben uns nur noch ein paar Jahrzehnte, bis die Chance, das, was uns jetzt droht, zu verhindern, vertan ist und die Zukunftsaussichten der Menschheit auf ein Minimum zusammenschrumpfen.“

" Wir müssen die Bevölkerungszahlen stabil halten."

„Die Gleichheit der Geschlechter muss sichergestellt und den Frauen muss garantiert werden, dass sie selbst über die Anzahl ihrer Kinder entscheiden können."

Neben den politischen Führern und den Wissenschaftlern der Welt leuchtet auch anderen der Ernst unserer Notsituation ein. John H. Adams, Leitender Direktor von The Natural Resources Defense Council (Verteidigungsrat der Natur-Ressourcen), einer Organisation, die sich sonst nicht mit Bevölkerungsthemen beschäftigt, beginnt seinen Artikel, der den Titel trägt „Was am wichtigsten ist“(In: The Amicus Journal) folgendermaßen:

„Nichts ist bedeutsamer für die Zukunft der Erde als die Tatsache des Bevölkerungswachstums." (Adams 1997)

Der Autor Jared Diamond, der mit seinem Buch ‘Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies’. 1997. (dt.: Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1999) den Pulitzer-Preis gewann, schrieb in seinem zuvor erschienenen Buch ‘The Third Chimpanzee’ (Der dritte Schimpanse. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2000):

„Es steht fest, dass ein nuklearer Holocaust eine Katastrophe ist, aber er droht uns zurzeit nicht. Ebenso fest steht, dass ein Umwelt-Holocaust eine Katastrophe ist. Der Unterschied zwischen beiden  liegt darin, dass der Letztere schon auf dem Weg ist.“ (Diamond, 1992)

Diamond unterschätzt leider vielleicht die Gefahr eines schnellen und gewaltsamen Niedergangs.

Das Programm für Friedens- und Konfliktstudien an der Universität Toronto hat ausführliche Studien über die Faktoren betrieben, die Gewaltkonflikte beeinflussen. Ein Teil des Programms ist das Projekt über Umwelt, Bevölkerung und Sicherheit. Knappheit, Verschlechterung und Erschöpfung von Ressourcen wie Trinkwasser gehören zu den Feedback-Schleifen von Aktivitäts-Habitat-Systemen von Menschen (human activity-habitat systems), die sich auf Gewaltkonflikte auswirken (Homer-Dixon, et al. 1993).

‚Mach dir keine Sorgen, genieße das Leben!’ können wir in unserer misslichen Lage leider nicht mehr sagen. Allerdings gibt es Menschen, die diese Sorgen als Fiktion abtun. Sie verweisen auf frühere Analysen (Ehrlich1968), die einige falsche Urteile darüber enthalten, wann wir an die Grenzen stoßen werden. Aber es gibt starke Beweise dafür, dass die Trends fortschreiten, wenn wir dem wissenschaftlichen Konsens glauben wollen. Zu denen, die die Realität nicht wahrhaben wollen, gehören auch der verstorbene Julian Simon und Ronald Bailey vom Reason Magazine, die Themen wie die Abnahme des Fischbestandes, der mit täglich einer Viertelmillion Menschen zusätzlich geteilt werden muss, ganz einfach übergehen (Bailey, 2000).

Die Vereinten Nationen waren Vorkämpfer beim Suchen von Lösungen für das Problem der Übervölkerung. Die ärmsten Nationen bemühen sich sehr darum, dieses Thema anzugehen, aber die Hilfe der reichen Nationen kam nur schleppend in Gang. Indien kündigte kürzlich eine nationale Bevölkerungspolitik an und China müht sich weiterhin mit dem Thema ab. Dass das Problem der Übervölkerung von vielen geleugnet wird, brachte den Biologen Garrett Hardin (1915-2003) 1999 dazu, ein neues Buch mit dem Titel ‚The Ostrich Factor: Our Population Myopia’ (Unsere Bevölkerungs-KurzsichtigkeitL) zu verfassen. Überflüssig zu sagen, dass mich die Beweise überzeugt haben.

FEEDBACK

„Je mehr wir die Beziehung zwischen Bevölkerungszahlen, Ressourcen und Umwelt untersuchen, desto deutlicher wird ihr Zusammenhang.”  (Dr. Nafis Sadik in einer Adresse an die Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen, Genf 1991)

AUF DER INDIVIDUELLEN, SOZIALEN UND DER UMWELT-EBENE

  Eine weithin akzeptierte Theorie, ‚demografischer Übergang’ genannt, behauptet, dass, wenn das Leben der Menschen materiell gesichert ist, die Geburtenzahlen zurückgehen. Fallstudien aus Nordamerika und Westeuropa werden als Beweise für die Gültigkeit dieser Theorie benutzt. In manchen Fällen ist diese Korrelation aufgetreten und eine kausale Beziehung scheint offensichtlich. Aber viele Natur- und Sozialwissenschaftler stellen strengere Anforderungen, ehe sie eine Beziehung als Kausalbeziehung anerkennen. Die Psychatrieprofessorin an der Vanderbilt University Medical School Virginia Abernethy legt überzeugend dar, dass die Wahrnehmung des Anbruchs besserer Zeiten für die Wirtschaft (materielles Wohlergehen) zu höheren Geburtenraten führt. Sie nennt einige gute Beispiele:

„In Notzeiten in Frankreich vor der Revolution sorgte der Sinn für Grenzen für Zurückhaltung bei der Fortpflanzung und kleine Familien wurden die Norm … Wohlstand führte in Irland nach der Einführung der Kartoffel und in der Türkei, als Familien Land bekamen, zu höheren Geburtenraten.” (Abernethy, 1994)

Auch da, wo behauptet wird, der ‚demografische Übergang’ habe stattgefunden, können einige Generationen zwischen der angenommenen Ursache und der Wirkung vergehen. Dabei werden die Variablen viel zu zahlreich und komplex, um einer sicheren Analyse standzuhalten. Einige Generationen mit hohen Geburtenraten wie in den USA während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts können zu einem raschen Bevölkerungswachstum führen. Erst danach sinkt die Geburtenrate. Abernethy behauptet, dass der Aufstieg der USA als Wirtschaftsmacht, der mit den optimistischen Aussichten ihrer Bürger auf Wohlstand einherging, zu den hohen Geburtenraten führte. Sie hält die Unsicherheit über Reallöhne und Jobsicherheit, verbunden mit hohen Kosten für Erziehung und Gesundheitsfürsorge, für die Faktoren, die für das Zurückgehen der Geburtenraten in den USA in der letzten Hälfte des Jahrhunderts verantwortlich sind.

Es fällt Menschen nicht leicht, diese Art von Beweisen zu akzeptieren, aber wir müssen weiterhin die möglichen Ursachen unserer Handlungsweisen untersuchen, wenn wir effektive Lösungen finden sollen. Viele Tierarten zeigen geringere Fruchtbarkeit und/oder geringere Überlebenschancen der jungen Nachkommenschaft schon weit im Vorfeld einer ernst zu nehmenden Nahrungsmittelknappheit. Die Population passt sich an, um zu überleben. Menschen zeigen ähnliche Muster, wenn sie durch Übervölkerung und Knappheit in der Umwelt unter Stress geraten. D.H. Stott erörtert das ganz genau. Ich zitiere ihn:

„..die angekündigte Katastrophe infolge des Weltbevölkerungswachstums in geometrischer Progression bis zu dem Punkt, dass alle verhungern, wird sich sicherlich so nicht ereignen. Etwas wird dieser absoluten Katastrophe zuvorkommen, wenn schon nicht die bewusste Planung des Menschen, dann jedenfalls physiologische Mechanismen, die sich zu dem Zweck entwickelt haben, um solche Kalamitäten zu verhindern. Mit dieser Bemerkung will ich nicht die Tatsache herunterspielen, dass diese Mechanismen an sich äußerst unangenehm sind. Die Natur sieht Glück vor, wenn das Leben Überlebenswert besitzt. Dem Menschen wird immerhin eine Antwort zuteil. Wir müssen nicht darauf warten, dass die physiologischen Mörder und Verstümmler über uns kommen. Es sollte ja die Möglichkeiten des Menschen durchaus nicht übersteigen, kultivierte Methoden zu entwickeln, die Bevölkerungszahlen zu regulieren, die weder Traurigkeit noch Unglücklichsein bewirken.“ (Stott, 1962)

Bill Rees, der durch sein Konzept des ökologischen ‘footprint’ bekannt wurde, wies schon vor zehn Jahren auf die Bedeutung der Arbeit von Prigogine und Stengers, Crutchfield et al. und Palmer im Hinblick auf die Grenzen der Vorhersehbarkeit hin. Das Feedback des Systems, das die Zahl der Menschen mit oder ohne unsere Absicht beeinflussen wird, wird sowohl hinsichtlich des Zeitpunktes als auch der Intensität unerwartet sein. Wir wollen hier auf das Prinzip des schwächsten Gliedes in einer Kette hinweisen, das Rees nennt:

„Wir sollten verstehen, dass das Überleben der menschlichen Gesellschaft zwar von vielen ökologischen Ressourcen und Funktionen abhängt, dass die Grenzen der Belastbarkeit aber letzten Ende durch diejenige lebenswichtige Ressource oder Funktion bestimmt wird, von der am wenigsten vorhanden ist.”  (Rees 1990)
 

Einige tief verwurzelte historische Werte stehen dem Rückgang des Kinderreichtums im Wege. Man dachte, dass Einzelkinder durch den Mangel an Geschwistern benachteiligt wären. Diese ‚Volksweisheit’ ist immer noch weit verbreitet, obwohl es keine Beweise für ihre Wahrheit gibt. Große Familien werden in vielen Gesellschaften als Freude oder Segen betrachtet. Als die Feldarbeit für die Wirtschaft wichtig war, war das durchaus rational begründbar. In den modernen, industrialisierten Ländern hängt die Landwirtschaft jedoch mehr von Energie, Chemikalien und Technik als von der Zahl der Landarbeiter ab und es sind jetzt auch nur noch sehr wenige Familien in der Landwirtschaft tätig. In vielen Ländern wurde der Landbesitz generationenlang unter die Nachkommen verteilt, so dass jeder Familie nur kleine unwirtschaftliche Äcker übrig blieben. Zwar ist ein derartiges Feedback ein Mythos, aber dieser ist nichts desto weniger wirksam.

In Gesellschaften mit hoher Kinder- und Jugendsterblichkeit, in denen es keine Altersversorgung gibt, müssen arme Familien viele Kinder haben, weil sie ihr einziges Mittel sind, ihr Überleben im Alter zu sichern. Hier steht der biologische Zwang der Aussicht auf unzureichende Ernährung dem menschlichen Bedürfnis nach Zukunftssicherheit entgegen. Das scheint ein grundlegendes Beispiel für die Not der Menschen zu sein; der Club of Rome nennt es die ‚globale Problematik’.

 

MÖGLICHKEITEN DER POLITIK

Welcherlei Aktionen könnten sich bei dem Versuch, die Kinderzahl zu beeinflussen, als brauchbar erweisen? Wir müssen von der Annahme ausgehen, dass Menschen über einen freien Willen verfügen, wenn wir diese Untersuchung fortsetzen. Das Ausmaß der Willensfreiheit ist nicht leicht zu bestimmen:

„Eine Prämisse der Soziobiologie ist, dass alle Arten, die menschliche eingeschlossen, genetisch dafür prädisponiert sind, so zu  handeln, dass sie ihre ‚umfassende Tüchtigkeit’ maximieren … Selbstverständlich hat jedes Lebewesen Vorfahren, die erfolgreich waren … also tragen die meisten von uns Gene in sich, die uns antreiben…“ (Abernethy 1993)

Ich habe nicht die Absicht, das menschliche Verhalten in determinierte und freie Handlungsweisen aufzuteilen noch möchte ich das prozentuale Verhältnis beider zueinander bestimmen. Tendenzen oder Prädispositionen können als Indikatoren von Wahrscheinlichkeiten oder Erwartungen aufgefasst werden. Über unsere Rolle bei Zeugung oder Empfängnis entscheiden wir mehr oder weniger selbst. Ansley Cole hat drei Kategorien dafür aufgezeigt, was zuverlässig zu einer geringeren Kinderzahl führt. Erstens: das Bewusstsein, dass sowohl Mann als auch Frau selbst entscheiden können. Zweitens: der Eindruck, dass eine kleinere Familie vorteilhafter ist. Drittens: Verfügbarkeit und Wissen über die verschiedenen Mittel, mit deren Hilfe die Menschen ihre Entscheidungen verwirklichen können (Coale 1989).

Dr. John R. Weeks ist Leiter des International Population Center an der staatlichen Universität in San Diego. Er setzt Coales Konzepte in Politik mit direktem und indirektem Einfluss auf das Fortpflanzungsverhalten um. Aus der systemischen Perspektive ist das ein Feedback. Zur direkten Politik gehören die rechtliche Gleichstellung der Frau, Zahlungen, wenn man weniger Kinder hat, höhere (und nicht etwa niedrigere) Steuern für Kinder, Legalisierung der Empfängnisverhütungstechniken, Abtreibungen und Sterilisierung und örtlich verfügbare Beratungsdienste für Familienplanung. Beispiele für indirekte Politik sind die Verbesserung der säkularen Bildungseinrichtungen, Anhebung der wirtschaftlichen Möglichkeiten für Frauen, geringere Säuglings- und Kindersterblichkeit, Geburtenquoten für Gemeinden und Kampagnen in der Öffentlichkeit, die Kenntnisse über und Anwendung von Verhütungsmöglichkeiten verbreiten (Weeks, 1990)  

Im Schlussteil dieses Artikels mit der Überschrift ‚Aussichten’ werde ich die Möglichkeiten geplanter Interventionen weiter erörtern.

 

INSTITUTIONELLE HINDERNISSE

Regierung

Selbst wohlmeinende Regierungen haben Defizite und sind vom Anwachsen der Steuern abhängig. In der Zukunft muss der Staat dann nicht nur die Darlehen, sondern außerdem noch die Darlehnszinsen zurückzahlen. Das führt unvermeidlich zu einem Wettlauf, um mitzuhalten, so dass regelmäßig neue Schulden hinzukommen. Einwanderer sollen das Wirtschaftswachstum und die Rentenzahlungen sichern, da die Kinderzahl abnimmt und die Bevölkerung altert. In Deutschland, Frankreich und anderen Ländern gab es Versuche, die einheimischen Frauen zu mehr Kindern zu ermutigen. Darin spiegelt sich vielleicht die Angst der Gesellschaften vor dem Schwächerwerden ihrer Kultur. Darin zeigt sich auch, dass die Fürsprecher für Einwanderungsbeschränkung neuerdings politisch auf dem Vormarsch sind [‚Kinder statt Inder!’ die Ü.]. Wenn die Volkswirtschaft eines Landes Überschüsse erzielen würde und keine Schulden gemacht werden müssten, dann wäre ein Zuwachs der Bevölkerung nicht nur unnötig, sondern auch nicht wünschenswert. Die Sicherung des Alters wäre abgedeckt und das, was übrig bliebe, könnte unter weniger Menschen aufgeteilt werden.

Wirtschaft

Mit der Globalisierung übernahmen multinationale Firmen die Herrschaft. Die Aufgabe von Firmen ist es, den Aktionären maximale Gewinne zu bescheren, und die Manager streben danach, ihr eigenes Einkommen und ihre Sicherheit dadurch zu maximieren, dass sei dieses Ziel erreichen. Firmen (oder andere Geschäfte) können es sich nicht leisten, dass ihre Märkte für Waren und Dienstleistungen kleiner werden. Daher ist die Forderung nach Wachstum dem System eingeschrieben. Gleichzeitig verleiht die Knappheit an Arbeitskräften den Arbeitern größeren Einfluss beim Aushandeln der Arbeitsbedingungen, was die Kosten anhebt. Seit Jahrzehnten verlegen daher Firmen ihre Herstellung in Gebiete, wo es Arbeitskräfte im Überfluss gibt und wo sie infolgedessen billiger sind. Der Mangel an notwendigen Fertigkeiten schränkt die Produktion zwar für kurze Zeit ein, aber sinkende Bevölkerungszahlen sind fürs Geschäft wirklich nicht anziehend.

Wir wollen einmal sehen, wie ein chinesischer Experte das sieht. Zhang Zhirong ist stellvertretender Direktor der Chinesischen Bevölkerungs-Wohlfahrts-Foundation in Beijing. Er schrieb einen Bericht für die Dritte Konferenz des Internationalen Konsortiums für die Untersuchung der Umweltsicherheit. Daraus zitiere ich hier:

„China ist im Teufelskreis von zunehmender Bevölkerung und abnehmenden Ressourcen gefangen. …Wirtschaftswachstum ist das Ziel von Chinas Wirtschaftspolitik. Das schnelle Anwachsen der Bevölkerung verschlingt jedoch das, was das Wirtschaftswachstum hervorbringt.“ (Zhirong, 1994)

Es scheint möglich, dass die Wirtschaftsführer verstehen, dass es einen Wendepunkt gibt, von dem an das an die Bevölkerungszahl gebundene Wirtschaftswachstum abnehmen muss. Ich erwarte, dass sich dieses Feedback auf der ganzen Erde wie ein Virus ausbreitet, wenn die Instabilität des Systems zunimmt.

Religion

Viele religiöse (und ethnische) Glaubensüberzeugungen beeinflussen das Fortpflanzungsverhalten der Menschen. Einige Beispiele dafür sind der Glaube muslimischer Sekten und orthodoxe jüdische und katholische Doktrinen. Das extremste Beispiel, das ich kenne, ist der Glaube der Mormonen, dass eine Nachkommenschaft von zwölf einen Mann Gott am nächsten bringt. Gruppen, die sich im Krieg befanden, haben ganz offen kompetative Zeugung als Kampfmittel eingesetzt und Vergewaltigung wurde als Mittel der ethnischen Säuberung benutzt. Außer den finsteren Selbstmordsekten ist mir keine Religion bekannt, die eine Reduzierung der Zahl ihrer Anhänger befürwortet. Einige erkennen vielleicht, dass Übervölkerung ein Problem ist. Das kann sie in ein Dilemma bringen, da sie ja bestrebt sind, ihre Vorstellungen von Wahrheit und vom Guten zu verbreiten. Der Dalai Lama hielt vor ein paar Jahren eine Rede in Neuseeland. Es wird berichtet, er habe dort gesagt, dass es dem Übervölkerungsproblem zum Vorteil gereiche, wenn es mehr Priester, Nonnen, Schwule und Lesben gäbe. Ich verstehe das als humorvolle Bemerkung eines Weisen über ein ernstes Problem.

 

GLEICHGEWICHT

„Alle optimalen Lösungen müssen zwischen der noch ausreichenden Minimalbevölkerungsgröße und der biophysischen Belastbarkeit des Planeten liegen.“  (Gretchen C. Daily, A. Ehrlich and P. Ehrlich, Optimum Human Population Size, In: Population and Environment, 15(6) 1994).

Der oben genannte Spielraum ist groß genug, dass alles auf der Erde weitergehen kann. Wie können wir ihm näher kommen? Die Autoren stellen im selben Artikel fest:

„...soziale Präferenzen sind entscheidend, darum verlangt jede Zielgröße, dass wir eine Sozialpolitik einrichten, mit deren Hilfe die Fortpflanzungsraten beeinflusst werden. Die Größe der Bevölkerung hat sich noch nie von selbst auf einem bestimmten Niveau eingependelt noch wird sie das jemals tun. Es gibt keinen Feedback-Mechanismus, der zu vollständig ausgeglichenen Geburten- und Todesraten führt.“

Zwar stimme ich zu, dass Planung notwendig ist, aber es scheint mir ein Fehler im Konzept zu sein, die Planung außerhalb des Feedback-Systems anzusiedeln. Auch wenn man das Thema Willensfreiheit außer Acht lässt, ist es meiner Ansicht nach nicht vernünftig, unsere Planung aus dem Ökosystem auszugrenzen, da wir ja dazugehören. Denken wir an Stotts Bemerkung über die natürliche Lenkung des Kinderreichtums. Unsere Planung könnte zu unserer Anpassungsfähigkeit gehören.

In dem Artikel werden dann Kriterien einer Entscheidung für die optimale Größe der Bevölkerung genannt. Zuerst einmal kommt die gewünschte Lebensqualität, die so ist, dass sie im Gleichgewicht mit den Folgen für das Ökosystem aufrechterhalten werden kann. Zweitens: Wir müssen akzeptieren, dass materieller Wohlstand immer ungleich unter den Menschen verteilt sein wird. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines Polsters (oder Überschusses) von ständig zugänglichen Ressourcen pro Kopf. Dazu gehört auch die Müllverarbeitung ohne Vergiftung des Systems.

Danach kommt der Wert der kulturellen Vielfalt. Die Verfasser meinen, dass die geografische Verbreitung einer Kultur ein gewisses Bevölkerungsminimum verlange. Ich denke, dass das eine überholte Ansicht ist, die heute keine Bedeutung mehr hat. Es scheint eher so zu sein, dass ein Übermaß an Menschen, kombiniert mit Globalisierung, zur Auslöschung von Kulturen führt. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu dem vorher genannten Kriterium, das davon ausgeht, dass die Anpassung in der Evolution dazu führen wird, dass auf jeden Fall Veränderungen der Kulturen dabei herauskommen.

Der Begriff ‚kritische Masse’ von Verteilungskriterien überrascht mich ebenso, obwohl ich durchaus den kulturellen Wert der Verstädterung verstehe. Diese beiden Kriterien scheinen mir eher Werturteile zu sein, die auf der kulturellen Voreingenommenheit der in der ‚entwickelten Welt’ lebenden Autoren beruhen.

Die nächste Notwenigkeit ist der Schutz der Artenvielfalt. Offenbar vertreibt der Mensch andere Lebensformen (oder verändert das Habitat, das für sie notwendig ist) mit Ausnahme der Parasiten des Menschen. Artenvielfalt, so erklären die Autoren, ist vom menschlichen Standpunkt aus wertvoll, und zwar als zu unserem Habitat gehörig, und ist für unsere Gesundheit notwendig. Sie bereitet auch ästhetisches Vergnügen. Sie fügen hinzu, dass die Menschen die ethische Verantwortung dafür hätten, den Artenverlust zu minimieren. Kulturelle Vorurteile scheinen auch an diesen letzten beiden Elementen beteiligt zu sein, aber man kann ebenso gut sagen, dass sie allgemeine menschliche Werte widerspiegeln.

Dann nennen die Autoren den Schlüsselwert Freiheit des Menschen, die sie schon in der Einführung erwähnten:

„Im Allgemeinen würden wir uns für eine Bevölkerungsgröße entscheiden, die eine möglichst breite Grundlage an Umwelt- und sozialen Möglichkeiten für die Einzelnen bereitstellt.“

Eine andere Perspektive zeigt uns Zhang Zhirong. Er schreibt in seinem oben genannten Bericht über Chinas Bevölkerung: „Gemäß der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und auf geschätzte Landressourcen gegründet ist die optimale Bevölkerungszahl für China jetzt 950 Millionen und 1, 16 Milliarden im Jahre 2000.” (Zhirong, 1994).  Zhirong stellt dann fest, dass Chinas Belastbarkeit, die sich auf ‚Landressourcen’ gründet, nicht mehr als 1,6 Milliarden ist. Er meint, dass ernste Umwelt- und soziale Probleme vorhanden seien und sich verschärfen würden, wenn Chinas Bevölkerungszahlen zuerst das Optimum und dann die Belastbarkeit übersteigen. Vielleicht hoffte man in  China, dass das Land zwischen 1994 und 2000 mehr Landressourcen gewinnen würde. Welche anderen Variablen hätten sonst bewirken können, dass die optimale Bevölkerungszahl in sechs Jahren um 7% ansteigt? Diese Frage wird in dem Bericht nicht beantwortet.

Der Nobelpreisträger und Professor in Harvard Nicolaas Bloembergen sagte in einer Ansprache vor Kollegen:

„Würde eine Gesamtbevölkerung von etwa einer Milliarde, wie sie vor zweihundert Jahren existierte, einen vernünftigen Kompromiss zwischen Quantität der Menschen und ihrer Lebensqualität darstellen? Natürlich wird die Antwort durch Werturteile mitbestimmt.“  (Bloembergen 1996)

J. Kenneth Smail, Professor für Anthropologie und Soziologie am Kenyon College in Ohio, behauptet, dass

...am Anfang des 23. Jahrhunderts das ungefähre Optimum bei 2 Milliarden liegen wird.“ Er liefert viele Beweise dafür, dass die bloße Stabilisierung der Bevölkerungszahl im 21. Jahrhundert zu einer „künftigen demografischen Katastrophe“ führen werde (Smail 1995).

[Zusammenfassung:] Meine Untersuchungen ergeben eindeutig, dass die meisten Experten, die sich mit dem Thema beschäftigen, die Meinung vertreten, es sei wünschenswert, dass die Bevölkerungszahlen zurückgingen. Allerdings ist mir durchaus nicht klar, wie wir bei den gegebenen kulturellen, wirtschaftlichen und geophysikalischen Variablen der Gesellschaften auf der Erde zu einem Konsens darüber kommen könnten, wie wir uns dem Optimum der Bevölkerungszahl auch nur annähern könnten. Stabilisierung oder Gleichgewicht in absehbarer Zeit kann nur durch Einzelaktionen erreicht werden oder als unbeabsichtigte Folge eintreten.

 

AUSSICHTEN

„Niemand weiß, ob die Bevölkerungszahlen bis zum Jahr 2050 stabilisiert werden können. Vielleicht könnte man sich ein negatives Anwachsen der Bevölkerung vorstellen, das hoffentlich nicht durch Kriege, Hungersnöte und Epidemien verursacht wurde.“ (Bloembergen)

Wir haben verschiedene Einflüsse auf das Fortpflanzungsverhalten der Menschen erörtert. Dazu gehörten auch Prädispositionen und individuelle Reaktionen auf Umwelt- und soziale Bedingungen. Wir untersuchten auch Möglichkeiten der Politik. Viele meinen, diese könnte Einfluss auf unsere demografische Zukunft haben. Neben den genannten Widerständen in den Institutionen gibt es einige allgemeine falsche Vorstellungen vieler wohlmeinender Menschen. Ich will nur eine erwähnen, die vielleicht, wenn man ihr genügend widerspricht, die Suche nach einer menschlicheren Lösung weiterbringt.

Themen der Umwelt und sozialen Gerechtigkeit werden zunehmend von denen unterstützt, die über ihre unmittelbaren materiellen Bedürfnisse hinausdenken können. Ihre Befürworter scheinen sich sicher zu sein, dass ihre eigene Sichtweise die einzig richtige ist und sie versäumen es, sich zu fragen, ob sie umfassend genug ist. Eine typische Reaktion auf das Thema Übervölkerung ist folgende: ‚Die Reichen sollten ihren Verbrauch und ihre Müllproduktion reduzieren, anstatt die armen Leute auf der Erde wegen ihres Kinderreichtums zu tadeln.’ Diese Reaktion zeigt allerdings, dass die, die das fordern, überhaupt nicht wissen, dass die armen Länder heftig Hilfen bei der Bevölkerungsregelung fordern und dass sie sich zusammengeschlossen haben, um sich dabei selbst zu helfen. Die Bereitstellung einer solchen Hilfe ist natürlich kein Ersatz dafür, im eigenen Land Umweltschutz und sauberere Wirtschaft zu fördern. Es gibt dabei kein Entweder-Oder. Beides ist wünschenswert.

1989 unterschrieben die im Folgenden genannten Länder ein Statement, in dem sie auf eine möglichst sofortige Stabilisierung der Bevölkerungszahlen drängen, wie der UN-Bevölkerungs-Fund bestätigt: Österreich, Bangladesch, Barbados, Bhutan, Botswana, Kap Verde, China, Kolumbien, Zypern, Dominika, Dominikanische Republik, Ägypten, Fidji, Grenada, Guinea-Bissau, Haiti, Island, Indien, Indonesien, Jamaika, Japan, Jordanien, Kenia, Südkorea, Liberia, Malta, Mauritius, Marokko, Nepal, Nigeria, Panama, Philippinen, Ruanda, Senegal, Seychellen, Singapur, Sri Lanka, St. Kitts-Nevis, St. Lucia, St. Vincent & die Grenadischen Inseln, Sudan, Thailand, Tunesien, Vanuatu and Simbabwe.
Bemerkenswert ist, dass die meisten reichen Nationen fehlen. Es ist lächerlich zu behaupten, dass die reichen Nationen versuchten, die armen dazu zu zwingen, ihre Bevölkerungen zu verkleinern. In Wirklichkeit reagieren sie nicht einmal auf die von den armen Nationen beteuerten Bedürfnisse.

Die im Folgenden genannten Länder gehören entweder zur South Commission oder zu ‚Partners in
Population and Development’ (Partner für Bevölkerung und Entwicklung): Zimbabwe, Kenia, Mexiko, Kolumbien, Thailand, Indonesien, Bangladesh, Marokko, Ägypten, Tunesien, China, Indien, Pakistan,
Uganda, Algerien, Argentinien, Brasilien, Kuba, Guyana, Elfenbeinküste, Jamaika,
Kuwait, Malaysia, Mosambik, Nigeria, Philippinen, Senegal, Sri Lanka,
Uruguay, Venezuela, Jugoslawien (ehemaliges) und West-Samoa. Die ‚Partner’
tauschen ihre Erfahrungen über Fortpflanzungsgesundheit, angemessene Techniken der Geburtenkontrolle und Bevölkerungspolitik miteinander aus. Das Problem des Südens drückt die South Commission einstimmig folgendermaßen aus:

„Langfristig kann das Problem der Übervölkerung der Länder des Südens nur durch ihre Entwicklung völlig gelöst werden. Aber Aktionen für das Ingrenzenhalten der Bevölkerungszahlen sind unaufschiebbar.“ (Nyerere 1990)

Das ist leichter gesagt als getan. Die Natur wird es schon richten, wie sie sagen, aber wie wird eine ‚Kur’ aussehen, die für eine höhere Mortalitäts- als Geburtenrate sorgen wird? Eine wie viel geringere Geburtenrate kann die Folge gewollter Beschränkung gegenüber den Folgen physiologischer Veränderungen sein? Wir können in gewisser Weise über die Antworten auf diese Fragen selbst entscheiden, aber wenn nicht gehandelt wird (absichtsvolle Untätigkeit) dann nimmt die Entscheidungsfreiheit ab. Smail sagt, er glaube „vorsichtig optimistisch”, dass die Menschheit weltweit Aktionen unternehmen werde, die sich auf die „individuelle und kollektive Sorge für die Nachwelt“ richten.

  Bloembergen berichtet über sechs Maßnahmen, die Joel Cohen vorschlug. Diese werden von vielen gut geheißen. „(1) Unterrichtet Frauen und stärkt sie, (2) unterrichtet Männer, (3) fördert die Verteilung empfängnisverhütender Mittel, (4) rettet die Kinder, (5) verbessert die Wirtschaftslage in Entwicklungsländern und (6) all das zusammen.“ Abernethy unterstützt die Unterrichtung und Stärkung von Frauen. Das wirtschaftliche Element muss wohl noch verfeinert werden, um dem „Gelegenheits-Modell“ (Abernethy und Smail), das besagt, dass die Bevölkerung zunimmt, wenn die Zukunftsaussichten positiv sind, Rechnung zu tragen. Dieses Feedback-Element ist meiner Ansicht nach am schwierigsten anzugehen, da die Armen natürlich und erwartbar nach besseren materiellen Bedingungen streben.

Vielleicht ist nachhaltige Entwicklung gemeinsam mit anderen globalen Maßnahmen der richtige Ansatz. Die bisher übliche Entwicklung ist zusammen mit einer kaum vorhandenen Bevölkerungspolitik ein sicheres Mittel zur Aufrechterhaltung fortgesetzter Leiden der Menschen und seiner Umwelt. Diese werden an Umfang und Schwere zunehmen.

Udalls fordert in seinem Aufsatz die Einrichtung einer „Non-profit-Organisation, die von einer Gruppe von Milliardären finanziert wird und sich direkt an die Menschen wendet.” Diese Organisation würde in erster Linie ortsansässige Mitglieder beschäftigen und in den ärmsten Ländern der Erde fortpflanzungsmedizinische Dienste von Frau zu Frau anbieten. Einige Stiftungen haben dies schon erkannt: die Ted-Turner-, Bill-Gates-, George-Soros-, Rockefeller-, Packard-Stiftung und viele andere. Es kann ja sein, dass diejenigen, die in den harten Konkurrenzkampf eingespannt sind, durch den Zwang zum Erfolg mit Scheuklappen versehen sind, während diejenigen, die sehr reich sind, die Möglichkeit haben, einen Schritt zurückzutreten und in die weiter entfernte Zukunft zu blicken. Eine Billion Dollar, zum Vorteil der Nachwelt an diese weitergegeben, kann allein nicht garantieren, dass diese einen friedlichen Planeten, saubere Luft und Wasser, köstliche gesunde Nahrung und die Freuden einer vielfältigen Umwelt genießen wird.

In erster Linie besteht die Notwendigkeit, dass Menschen Aktionen unternehmen, um das systemische Feedback zu beschleunigen, indem Stärkung, Gesundheit und Bildung der Frauen verstärkt werden. Die technischen Mittel für die Beschränkung der Geburtenzahl gibt es ja schon. Eine zweite Notwendigkeit, die ich bisher noch nicht ausdrücklich erwähnt habe, ist die Folgende: Die Anwendung der systemischen Wissenschaftsmethode muss weltweit zunehmen und schließlich die irrationalen, auf Macht beruhenden Ansätze sozialer Organisation ersetzen. Übervölkerung ist nur eines der globalen Themen, die wir angehen müssen. Das Prinzip des schwächsten Gliedes in einer Kette ist auf das gesamte System anzuwenden.

 

LITERATURHINWEISE 

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